11 August 2015

Wortgeflüster

Ein ziemliches Durcheinander hat mich erfasst. Meine Gedanken kreisen immer und immer mehr um meine Zukunft, obwohl es für mich sehr schmerzhaft ist, darüber nachzudenken. Ich habe immer alles vor mich hin geschoben und jetzt bin ich in der 12. Klasse. Jetzt muss ich mir Gedanken machen, ich habe gar keine andere Wahl. Ich möchte nicht erwachsen werden, obwohl ich es schon bin. Doch was macht ''erwachsen sein'' eigentlich aus? Wann bin ich erwachsen? Ich bin verantwortungsvoll und zielstrebig, aber auf der anderen Seite bin ich auch alles andere als das. Dennoch bin ich mir über meine Situation bewusst, über all das, was ich durchgemacht habe, was ich erlebt habe. 
Und jetzt ist es vorbei. Weil er bald weg sein wird. Und dann? Dann muss ich lernen, damit zu leben, während ich, als er noch hier war, nur gelernt habe, damit zu überleben, dieses Leben Stück für Stück geschluckt habe, und mich viel zu oft verschluckt habe an diesem Leid. 

In all den verlorenen Jahren, die ich vergeblich versuchte mit vermeintlich schönen Erinnerungen zu retten, ist mir klar geworden, dass ich meine Zeit nur verschwendet habe. Tag für Tag habe ich versucht, an Dingen, und vor allem an Menschen festzuhalten, die mir angeblich so viel bedeuten. Aber die Wahrheit ist, dass sie mir gar nichts bedeuten, wahrscheinlich nie wirklich etwas bedeutet haben, sonst hätte ich nicht losgelassen. Ich habe meine Gedanken und meine Zeit an Menschen verschwendet, die für mich an Wert verloren haben. Und das schon vor langer Zeit. 

Ich war mir sicher, dass 2015 ein gutes Jahr für mich sein wird. Und das ist es. Mehr oder weniger, es ist anders. Besser. Weil ich Menschen kennen gelernt habe, die mir wirklich gut tun. 
Und weil ich gelernt habe, dass ich mich nicht für das schämen muss, was ich bin. Und wer ich bin. Dank der Hilfe meiner Liebsten habe ich es geschafft, mich zu öffnen und aus mir rauszukommen. Mehr oder weniger all das zu offenbaren, was ich immer verdrängt habe, worüber ich nie sprach. Immer noch gibt es Dinge, die ich nicht auszusprechen vermag, weil ich mich für sie schäme, aber ich weiß, dass ich eines Tages lernen werde, auch damit umgehen zu können.

Ich bin hin und her gerissen zwischen Heute und Morgen, zwischen Jetzt und Gleich, weil ich meinen Platz in der Welt immer noch nicht wirklich gefunden habe, aber ich weiß, dass ich einen Platz auf dieser Welt habe und dass ich auch ein Recht habe, auf dieser Welt zu sein. Dennoch bin ich hin und her gerissen in dieser viel zu großen Welt. 

Ich habe viel Armut gesehen. Und habe am eigenen Leib gespürt, was es heißt, nichts mehr zu haben, so gut wie alles zu verlieren und wahrlich am Existenzminimum zu sein. Ich hasse Sprüche wie ''das macht mich nur stärker'', denn das ist nicht wahr. Es hat mich kaputt gemacht und trägt dazu bei, dass ich viel zu oft in ein großes Tief falle.

Ich kann mich noch mit vielen Sachen in meinem Leben nicht abfinden, obwohl ich es muss. Ich muss endlich einsehen, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann, dass ich nichts mehr verändern kann, was in meinem Leben passiert ist. Ich kann nur lernen, damit umzugehen und zu lernen damit zu leben. Und mir immer wieder bewusst werden, dass ich nicht schuld gewesen bin, obwohl ich mir diese Schuld so verdammt oft gab. 

Illusionen kann man schmücken, man kann sie verfeinern, verbessern. Und während man dies tut, weiß man, dass man irgendwann wieder zurück in die Realität muss. 

Nein, ich bin nicht erwachsen. Ich bin noch weit davon entfernt, eine eigenständige und selbstständige Person, ''Frau'' zu werden. Aber ich bin gelassen und ruhig, irgendwo auch erleichtert, weil sich mein Schulleben dem Ende zuneigt. Und weil ich es geschafft habe. Weil ich jetzt hier bin, wo ich bin und weil ich nicht unter einem Grabstein liege.


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