Vielleicht drücke ich mich auch nur vor der Verantwortung, vor der Selbstständigkeit, vor dem Leben, einfach, weil ich schreckliche Angst davor habe. Ich musste viel zu früh das Erwachsensein erlernen. Meine Kindheit hörte mit 11 auf. Kind und Jugendliche-sein wurden ohne meine Zustimmung aus meinem Lebenslauf gestrichen und ich musste mental ein Erwachsener werden. Ich will immer noch all die verlorene Zeit aufholen, die mir noch zusteht, die ich verdient habe, die man mir damals weggenommen hat, weil ich egal war, weil ich nach wie vor egal bin. Meine Gedanken kreisen darum, mich selbst zu verletzen, mir eine Rasierklinge zu nehmen und sie mir ans Bein zu halten, die Augen zu schließen, eine Sekunde inne zu halten - und dann durch zu ziehen; noch tiefer und noch länger. Ich fühle mich meiner verletzten Kinderseele verpflichtet, sie jetzt auf meiner Haut zu tragen. Meine Seele ist so zersplittert, dass ich all diese Schmerzen, die ich im Stillen ertrage, nach außen trage. Meine Narben sind lediglich das Ergebnis einer verlorenen, kaputten, ekelhaften, horrorartigen Zeit, die ich irgendwie überlebt habe. Überleben. Mit 11. Mit 12. Mit 13. Mit 14. Mit 15. Mit 16. Mit 17. Mit 18. Und jetzt. Jetzt mit 19 überlebe ich automatisch, ich muss mir keine Mühe mehr geben, am Leben zu bleiben, weil ich weiß, dass ich das erstmal bleibe. Aber damals war es unglaublich schwer, mich über Wasser zu halten. Und die Erinnerungen an diese schlimmen Zeiten tun so unfassbar weh. Ich wünschte, ich könnte all diese Erinnerungen in Blut ertränken. Ich wünschte, all das wäre niemals passiert. Worte könnten nicht mal ansatzweise den Schmerz beschreiben, den ich damals ertragen musste. Taten sprechen für sich - diese Erinnerungen haben sich auf meiner Haut verewigt, weil ich es meiner Kinderseele schuldig war, sie jetzt auf meiner Haut zu tragen. Was wäre sie ohne diese Narben? Wahrscheinlich schöner. Oder endgültig vergessen. Aber wir vergessen nicht. Wir werden niemals vergessen und niemals verzeihen.
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